Critical Mass zeigt: Fahrrad nicht nur Schön-Wetter-Fahrzeug

Auch nach dem ersten Schneefall in Thüringen und winterlichen vier Grad Celsius waren heute wieder über 50 RadfahrerInnen gemeinsam auf Erfurts Straßen unterwegs. Sie wollten als „Critical Mass“ zeigen, dass ihre Fahrräder keine Schön-Wetter-Fahrzeuge sind, sondern ein vollwertiger Teil des Stadtverkehrs, der immer noch zu wenig berücksichtigt wird.

Für die achte Critical Mass versammelten sich die TeilnehmerInnen fast schon in Tradition vor dem Erfurter Hauptbahnhof von wo aus Sie ihre gut einstündige Tour über den Juri-Gagarin-Ring starteten. Die Route führte weiter über die Schillerstraße, den Schmidtstedter Knoten und die Weimarische Straße. Es wurde deutlich, dass gerade die meistbefahrenen und breitesten Straßen der Stadt oft keinen Raum für Radverkehr lassen. Sie sind durch Verbotsschilder ausgeschlossen oder werden von Autofahrer als Fremdkörper wahrgenommen. Dort wo der Verkehr stark ist, sollten sie durch eine Radspur auf der Fahrbahn geschützt werden. All zu oft wird dieser Platz aber lieber für eine zweite oder dritte Pkw-Spur genutzt.

Die Tour führte weiter durch die Käthe-Kollwitz-Straße, die an einem Tag wie heute von rund 10.000 Autos durchfahren wird. Einige TeilnehmerInnen der Critical Mass waren Anwohner der Straße. Sie berichteten dass sie die Verkehrsbelastung kaum noch ertragen können, seitdem vor sechs Jahren hier die Tempo-30-Zone aufgehoben wurde. Heute sind die Anwohner in einer Bürgerinitiative (BI) organisiert. Die fordert eine fußgänger- und fahrradfreundliche Umgestaltung der Straße durch die Wiedereinführung Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h.

Von der Löbervorstadt führte die zwölf Kilometer lange Route in die Altstadt. Absteigen, Bordsteinkante, engste Kurven, Kopfsteinpflaster: Die Erfurter Altstadt bleibt eine Problemzone im Radwegenetz. Von besonderer Bedeutung ist dabei der zentrale Anger, auf den zwar mehrere Radrouten zulaufen, der aber bei Tag für Radfahrer gesperrt ist. Eine einfache Lösung haben auch wir nicht, aber von der vollständigen Umsetzung des aktuellen Verkehrsentwicklungsplanes (VEP) in den kommenden Monaten erwarten wir Verbesserungen. Der VEP wurde dieses Jahr vom Stadtrat beschlossen und sieht in Teilbereichen eine Befahrung des Angers vor.

Die Critical Mass folgte heute der offiziellen Angerumfahrung, soweit diese möglich war. Die Borngasse ist momentan aufgrund der Baumaßnahmen am Anger nicht zugänglich. An der Barfüßerstraße schlossen wir wieder an den offiziellen Radweg an, umfuhren das Rathaus an dessen Rückseite und folgten der Michaelisstraße nach Norden bis zum Stadtring. Am Talkonten bog die Gruppe in die Johannesstraße ein.

Nachdem das Thema Radverkehrsverbindung nördliche Johannesstraße jahrelang in der Diskussion stand, wurde im November 2010, auf Druck von B90/Grüne, SPD und ADFC festgelegt, wie die Radverkehrsführung in der Lücke zwischen Talknoten und der Kreuzung „Am Hügel“ gestaltet werden soll. 2012 wurde Mithilfe von gelben Markierungen diese Lücke geschlossen und das Sperrgitter hinter der Hügelkreuzung entfernt. Der endgültige Umbau mit Verlegung der Gleise in Richtung Osten ist für 2013 geplant. Dann wird es möglich, die bisherigen Engstellen mit Radstreifen zu versehen.

Die südliche Johannesstraße ist bereits für den Radverkehr freigegeben, auch dort wo dem Autoverkehr der Weg versperrt bleibt. Die gemeinsame Führung mit der Straßenbahn im beengten Altstadtbereich funktioniert hier sehr gut. So sollte unsere Tour auch am Ende der Straße, vor dem Lutherdenkmal am Anger, enden.

Die Freude unter den TeilnehmerInnen über die rege Beteiligung, trotz der niedrigen Temperaturen, war groß. Das Critical Mass-Team dankt der bunt gemischten Gruppe aus Erfurter Bürgerinnen und Bürgern für Ihren Einsatz für einen besseren Radverkehr!